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Trockensteinmauer – eine Mauer für’s Leben
Geübt vom Umgang mit unserer Baustelle im Franziskanerkloster mache ich mich diesen Sommer auf den Weg, eine ganz besondere Baustelle in den Waadtländer Alpen zu besichtigen. Auf dem Gebiet der Alp Toumalay, Château-d’Oex, entsteht eine Mauer, in welcher Moose, Blumen und Eidechsen willkommen sind, eine Trockensteinmauer.
Fr. Pascal Marquard

Geübt vom Umgang mit unserer Baustelle im Franziskanerkloster mache ich mich diesen Sommer auf den Weg, eine ganz besondere Baustelle in den Waadtländer Alpen zu besichtigen. Auf dem Gebiet der Alp Toumalay, Château-d’Oex, entsteht eine Mauer, in welcher Moose, Blumen und Eidechsen willkommen sind, eine Trockensteinmauer.

Jean-Noé, Josef oder Marius und haben sich, zusammen wie weitere sieben junge Männer für ihren Zivildienst eine Arbeit auf der Alp Toumalay ausgesucht : Sie helfen mit die Jahrhunderte alte Trockensteinmauer zu sanieren. Die Mauer wird zu gut 1/3 auf einer Länge von ca. 450 Metern im Auftrag von Pro Natura wieder hergestellt, denn in den vergangenen Jahrzehnten wurde sie leider nicht mehr gut unterhalten und hat sich zersetzt. Sie befindet sich über der Waldgrenze auf ca. 2000 m.ü.M. Die Zivis, wie sie sich unter einander nennen, werden angeleitet von den jungen Profis Paul und Adrien, zwei Trockensteinmaurer.

Die Zivis und die Profis wohnen in Zelten direkt bei der Mauer, mitten im schönsten Berggebiet. Für die Arbeit haben sie mehrere Gruppen gebildet. Während Jean-Noé für das leibliche Wohl sorgt und für die ganze Gruppe kocht, begeben sich Josef und ein paar Kollegen zum Steinfeld unter dem Felsen, um neue Steine für die Mauer zu laden. Bruchsteine fallen vom Felsen ab, sind unterschiedlich in Grösse, Härte, Farbe und Verwitterung. Die Steine werden auf ein kleines Kettenfahrzeug geladen und zur Mauer gefahren, wo Marius und andere schon an der Arbeit sind. Die einen heben ca. 20 cm Erde aus und stellen grosse harte Steine als Fundament in die Grube. So ein Fundamentstein kann schon einmal mehr als 100 kg wiegen ! Andere schichten kleinere Steine aufeinander und errichten den Mauerkörper. Der geübte Trockensteinmaurer findet rasch den richtigen Stein für die Lücke in der Mauer, der Anfänger tut sich schwerer damit, wie ich selber beim Versuch feststellen muss. Ist der Stein an seinem Platz werden störende Spitzen mit Hammer und Meissel entfernt. „Der Stein wird bloss korrigiert“, erklärt mir Urs Lippert, der Leiter der Firma Stoneworks, welche die Arbeit verantwortet. „Die Mauer soll nach Aussen ein schönes Gesicht erhalten und nach Innen möglichst kompakt und dicht gebaut sein. Angestrebt wird eine möglichst grosse Auflagefläche und der seitliche Kontakt zu anderen Steinen.“ Auf der Baustelle darf gelacht werden, die jungen Leute haben eine gute Stimmung untereinander. Die Meisten kennen sich schon seit Jahren, denn die Trockensteinmauer wird jedes Jahr während den Monaten Juli und August um jeweils ca. 80 Meter erneuert, bis das ganze Projekt nächstes Jahr seinen Abschluss finden soll.

Mir geht bei meinem Besuch das biblische Bild der „lebendigen Steine“ durch den Kopf. Die Kirche wird von Jesus Christus aus lebendigen Steinen erbaut, aus uns Gläubigen. Haben wir Menschen nicht auch unsere je eigene Form ? Ist nicht auch jeder von uns unterschiedlich in Farbe und Verwitterungszustand ?

Der Profi Paul setzt die Decksteine, grosse Steinplatten, welche im Idealfall die ganze Mauerbreite überdecken. Sie verlangsamen den Verwitterungsprozess der Mauer. Am Ende kann man auf der ca. 90 cm hohen Mauer gehen. Nichts wackelt, und das ganz ohne Mörtel oder Zement ! Die Lücken und Ritzen bieten nun Eidechsen und Schlangen, Moosen und anderen Pflanzen einen idealen Lebensraum. Die Mauer weist verschiedene Klimas auf : Am Boden ist die Mauer kühl und feucht, an der Sonne ist sie warm und trocken.

Zurück im kleinen Zeltlager riecht es schon ausgezeichnet, die Küche hat gut gearbeitet ! Ein paar Stunden später falle ich müde und erschöpft in mein Zelt und schlafe rasch ein. Ein lehrreicher und interessanter Besuch auf einer ganz besonderen Baustelle liegt hinter mir. Und vielleicht reicht es sogar für eine Inspiration für die Renovation des Franziskanerklosters...

Pascal Marquard

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